(verfasst von Christoph Reichmuth, Berlin / Luzerner Zeitung vom 4. Februar 2018)

Unter Deutschen

Den Schweizer in mir habe ich nach fünf Jahren in Berlin nicht abgestreift. Laufe ich irgendwo entlang, wo es menschenleer ist, passiere ich dann doch einmal einen einsam daherkommenden Menschen, muss ich mein antrainiertes «Grüezi» unterdrücken.

Wer hier Fremde ohne Vorwarnung auf der Strasse grüsst, gilt als Spinner. Die Kommunikation in Berlin ist bisweilen ruppig. Als ich im Squash-Center fragte, wo der mir zugeteilte Court Nummer 6 sei, meinte die Frau an der Theke: «Na, da, wo 4 und 5 sind!» In der Zentrale der ehemaligen Staatssicherheit hatte ich einen Termin. Ich war ganz frisch in der Stadt und noch sehr im Schweizer Formulierungsmodus. Auf dem riesigen Gelände erkundigte ich mich beim Pförtner: «Entschuldigung, ich müsste mal ins Gebäude Nummer 8.» Der Mann hob seinen Kopf: «Dann machen Sie das doch einfach!» Ich musste lernen, die Fragen anders zu formulieren. Der Pförtner bei der Stasi war erst zufrieden, als ich eine klare Ansage machte. «Wo geht es denn ins Gebäude Nummer 8?», fragte ich. «Na geht doch!», meinte er und erklärte mir den Weg. Der Pförtner hat, was «Berliner Schnauze» genannt wird: ruppig, aber durchaus mit Charme, nie böse. Wenn das Gesagte völlig witzfrei daherkommt, ist das keine Berliner Schnauze.

Beim Spiel von Hertha BSC im Olympiastadion sollte man Menschen, die mit Schutzwesten mit der Aufschrift «Ordner» vor dem Stadion herumstehen, nach Block H Abteilung 16,2 fragen dürfen. Der Ordner, auf den ich getroffen bin, nervte bloss. «Haste schon auf dein Ticket geguckt? Steht ja alles drauf!» Nö, aber haste schon mal auf deine Weste geguckt? Da steht Ordner drauf! Bin ich in der Schweiz, freuen mich die Nettigkeiten umso mehr. Wenn ich in der Bäckerei ein Gipfeli bestelle, dann meine ich damit nicht auch das Sauerteigbrot nebenan im Gestell. Die Frage «Darf’s sösch no öppis sii?» ist eigentlich überflüssig. Wollte ich sonst noch etwas, würde ich zu Beginn erklären: «Ich möchte gerne ein Gipfeli und ein Sauerteigbrot.» Die Frage der Bäckerin ist aber Ausdruck von Freundlichkeit. Vielleicht könnten die Schweizer manchmal etwas direktere Ansagen machen. Den Berlinern aber würde ein gelegentliches «Grüezi» auf der Strasse einem Passanten gegenüber auch nicht schaden.

 

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